Verzug bedeutet, dass sich ein Kunststoffteil nach dem Spritzguss aus seiner vorgesehenen Form verzieht, also krümmt, verdreht oder sich ungleichmäßig verformt. Ursache ist fast immer eine ungleichmäßige Schwindung und ein inhomogener Aufbau von Eigenspannungen während Abkühlung und Entformung. Verzug ist besonders kritisch, wenn das Bauteil passgenau montiert werden muss, Dichtflächen hat oder enge Toleranzen einhalten soll.

Ein wichtiger Treiber ist die Bauteilgeometrie. Unterschiedliche Wandstärken, Rippen, Bossen und asymmetrische Steifigkeiten führen dazu, dass einzelne Bereiche schneller abkühlen und früher erstarren als andere. Dadurch schrumpfen sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten und in unterschiedlichem Maß. Auch der Fließweg wirkt sich aus, weil entlang der Strömung die Orientierung von Molekülen oder Fasern entsteht. Bei faserverstärkten Werkstoffen ist die Faserorientierung besonders relevant: Schrumpfung ist dann richtungsabhängig, und das Bauteil kann sich wie eine „Bimetallfeder“ verziehen, obwohl die Wandstärke gleichmäßig wirkt.

Werkzeugseitig spielt die Temperierung eine zentrale Rolle. Wenn eine Werkzeughälfte deutlich wärmer ist als die andere oder Kühlkanäle ungünstig liegen, entstehen Temperaturgradienten. Das Bauteil erstarrt dann ungleichmäßig, und die Spannungen „frieren“ ein. Auch die Entformung kann Verzug verstärken, wenn das Teil zu früh entnommen wird und noch nicht formstabil ist. Eine zu kurze Kühlzeit oder eine zu hohe Entformungstemperatur macht das Bauteil empfindlicher gegen Verformung durch Auswerferkräfte oder durch Eigengewicht.

Prozessparameter wirken ebenfalls mit hinein. Ein sehr hoher Nachdruck kann lokale Überpackung erzeugen, was wiederum unterschiedliche Schwindung und damit Verzug auslösen kann. Umgekehrt kann zu geringer Nachdruck zu Lunkern und Einfallstellen führen, die ebenfalls Verzug begünstigen. Ziel ist ein stabiles Fenster, in dem Füllung, Nachdruck und Abkühlung zueinander passen. Auch Schmelzetemperatur und Werkzeugtemperatur beeinflussen den Spannungsaufbau, weil sie bestimmen, wie lange das Material relaxieren kann, bevor es erstarrt.

In der Praxis wird Verzug oft mit einer Kombination aus konstruktiven und prozessseitigen Maßnahmen reduziert. Gleichmäßige Wandstärken, sinnvoll platzierte Rippen, eine symmetrische Geometrie und ein geeignetes Anschnittkonzept sind starke Hebel. Ergänzend hilft eine ausgewogene Temperierung, ausreichend Kühlzeit und eine Entformung erst dann, wenn das Teil ausreichend stabil ist. Gerade bei anspruchsvollen Teilen ist eine frühe Betrachtung von Schwindung und Verzug in der Entwicklung entscheidend. Siehe auch: Schwindung, Eigenspannungen, Temperierung.