Fließlinien sind sichtbare Linien, Streifen oder leichte Farb- und Glanzunterschiede auf der Oberfläche eines Spritzgussteils, die den Verlauf der Fließfront nachzeichnen. Sie entstehen, wenn sich die Strömungsbedingungen während der Füllung ändern und die Oberfläche dadurch nicht mehr homogen erstarrt. Fließlinien können sehr fein und nur im schrägen Licht erkennbar sein, sie können aber auch deutlich als Bänder auftreten, besonders auf großflächigen Sichtteilen.
Ein typischer Auslöser ist ein schwankender Druck- und Geschwindigkeitsverlauf beim Füllen. Wenn die Einspritzgeschwindigkeit zu niedrig ist, kann die Fließfront an der Oberfläche teilweise abkühlen und erstarren, bevor der nächste Schmelzeanteil nachkommt. Dadurch entstehen Schichten mit unterschiedlicher Oberflächenstruktur. Ebenso kann eine zu kalte Werkzeugtemperatur dazu führen, dass die Oberfläche zu früh „zumacht“ und sich jede Änderung der Strömung als Linie abzeichnet. Auch ein ungünstig gesetzter Umschaltpunkt kann Fließlinien verstärken, wenn die Füllphase nicht stabil durchläuft und der Druckaufbau sichtbar wird.
Die Anschnitt– und Angussgestaltung hat ebenfalls Einfluss. Wenn die Schmelze aus dem Anschnitt in einen Bereich mit stark wechselnden Wandstärken oder in eine große Fläche eintritt, kann sich der Strömungszustand ändern. Querschnittswechsel, Rippenfelder oder Durchbrüche können die Fließfront teilen und wieder zusammenführen. In solchen Bereichen treten Fließlinien häufiger auf, weil die Oberflächenschicht unterschiedlich auskühlt oder weil sich die Fließfront lokal beschleunigt und wieder abbremst. Auch Materialeigenschaften wie Viskosität und die Neigung zur Orientierung beeinflussen das Erscheinungsbild, besonders bei gefüllten oder faserverstärkten Werkstoffen.
In der Praxis ist die Abgrenzung zu ähnlichen Fehlerbildern wichtig. Fließlinien können mit Jetting verwechselt werden, wirken dann aber meist weniger „schlangenförmig“ und eher bandartig. Auch Silberschlieren sehen ähnlich aus, sind jedoch häufiger durch Gas oder Feuchtigkeit geprägt und zeigen oft einen typischen silbrigen Schimmer. Bei Fließlinien stehen meist Strömungs- und Abkühlbedingungen im Vordergrund.
Zur Reduzierung werden häufig Einspritzprofil und Temperaturführung angepasst. Eine höhere, gleichmäßigere Einspritzgeschwindigkeit, eine passendere Werkzeugtemperatur und ein stabiler Umschaltpunkt helfen, die Fließfront homogen zu halten. Wenn die Ursache in der Bauteilgeometrie liegt, können Änderungen am Anschnittkonzept oder am Fließweg die Oberfläche deutlich beruhigen. Fließlinien sind primär ein optisches Thema, können aber bei hochglänzenden Sichtteilen entscheidend sein. Siehe auch: Fließfront, Jetting, Werkzeugtemperatur.
