Der Anguss ist der Teil des Spritzgusssystems, über den die Schmelze vom Maschinendüsenbereich in die Kavität gelangt. Er umfasst je nach Werkzeugkonzept den Angussbuchsenbereich, Verteilerkanäle und den Übergang zur Kavität. Umgangssprachlich wird oft auch das gesamte Angusssystem, inklusive Kaltkanal und Anschnitt, als Anguss bezeichnet. Technisch wichtig ist: Der Anguss bestimmt, wie die Schmelze in das Bauteil eintritt, wie der Druck aufgebaut wird und wie gut der Nachdruck wirken kann.

Ein gut ausgelegter Anguss sorgt für eine stabile Kavitätenfüllung und für reproduzierbare Teilegewichte. Querschnitte, Übergänge und Fließwege müssen so gestaltet sein, dass die Schmelze nicht unnötig abkühlt und dass keine scharfen Kanten entstehen, die Scherung erhöhen. Wenn der Anguss zu klein oder zu lang ist, steigt der Einspritzdruck, und die Fließfront kann instabil werden. Wenn er zu groß ist, steigt die Angussmasse, die Kühlzeit verlängert sich, und es entstehen unnötige Materialkosten, besonders bei Kaltkanalwerkzeugen.

Der Anguss beeinflusst auch die Lage von Fehlerbildern. Eine ungünstige Anströmung kann Jetting oder Fließlinien fördern, weil die Schmelze als Strahl in die Kavität gelangt oder weil sich die Fließfront unruhig aufbaut. Gleichzeitig wirkt der Anguss auf Bindenähte, weil er festlegt, wo Fließfronten zusammenlaufen. Auch Verbrennungen können indirekt begünstigt werden, wenn der Druckbedarf hoch ist und Luft nicht sauber verdrängt wird. Deshalb wird der Anguss nicht nur aus Sicht der Machbarkeit, sondern auch aus Sicht der Oberflächen- und Funktionsanforderungen ausgelegt.

In der Fertigung spielt zudem die Trennung von Anguss und Bauteil eine Rolle. Bei Kaltkanalwerkzeugen muss der Anguss häufig abgetrennt werden, was Entgraten oder Nacharbeit erfordert. Bei Heißkanal ist der Anguss oft nicht als Bauteilrest vorhanden, was Material spart, aber die Werkzeugtechnik komplexer macht. Auch das Thema Regranulat hängt am Anguss: Wenn Angüsse wiederverwendet werden, müssen Feuchte, Sauberkeit und Mischverhältnis konstant sein, sonst drohen Kontamination und Maßdrift.

Ein sauberer Anguss ist damit ein wichtiger Teil der Prozessstabilität. Wenn Probleme auftreten, lohnt sich der Blick auf Angussquerschnitte, Übergänge, Temperaturführung und die Lage des Anschnitts. Häufig lassen sich damit Druckbedarf senken und Oberflächen verbessern, ohne den Prozess „aggressiver“ zu fahren. Siehe auch: Kaltkanal, Anschnitt, Kavitätenfüllung.