Maßdrift bedeutet, dass sich die Maße eines Spritzgussteils über die Zeit oder über die Produktionsdauer hinweg merklich verändern, obwohl das Werkzeug gleich bleibt. Der Effekt zeigt sich typischerweise als schleichende Abweichung von Toleranzen, etwa von Stunde zu Stunde oder von Los zu Los. Maßdrift ist besonders unangenehm, weil die Teile zunächst gut sind und später ohne klaren „Bruch“ aus dem Maß laufen. In der Fertigung führt das zu erhöhtem Prüfaufwand, Nacharbeit oder Ausschuss.

Häufige Ursachen liegen in der Prozessstabilität. Schon kleine Veränderungen der Schmelzetemperatur, der Werkzeugtemperatur oder der Umgebungseinflüsse können die Schwindung beeinflussen. Wenn die Werkzeugtemperatur langsam ansteigt, weil die Temperierung nicht konstant arbeitet oder weil Kühlkanäle verschmutzen, wird das Bauteil anders erstarren. Auch Schwankungen im Nachdruck oder in der Nachdruckzeit wirken direkt auf die Verdichtung der Schmelze und damit auf die finalen Maße. Ebenso spielt die Kühlzeit eine Rolle: Wird sie verkürzt oder verändert sich die tatsächliche Entformungstemperatur, kann das Teil nach der Entnahme noch stärker nachschwinden.

Neben dem Prozess kann die Materialseite Maßdrift auslösen. Unterschiede zwischen Chargen, wechselnde Feuchtegehalte oder schwankender Rezyklatanteil verändern Viskosität und Schwindungsverhalten. Besonders bei hygroskopischen Werkstoffen führt eine schwankende Trocknung schnell zu abweichender Fließfähigkeit und damit zu anderen Druckverhältnissen im Werkzeug. Auch bei faserverstärkten Materialien kann eine geänderte Faserorientierung, etwa durch veränderte Einspritzbedingungen, die Maße beeinflussen. Solche Effekte zeigen sich häufig erst, wenn der Prozess nicht robust genug eingestellt ist.

Ein weiterer Punkt ist die Maschine selbst. Verschleiß an Rückstromsperre, Düsenbereich oder Plastifiziereinheit kann dazu führen, dass das tatsächliche Schussvolumen und der Druckaufbau langsam abweichen. Auch eine instabile Regelung, etwa durch schwankende Hydrauliktemperatur oder unkonstante Heizbänder, kann Maßdrift verursachen. Dazu kommen externe Faktoren wie wechselnde Hallentemperatur, die das Werkzeug und die Maschine beeinflussen kann.

In der Praxis hilft eine klare Trennung zwischen Ursache und Symptom. Maßdrift wird häufig über Prozessdaten sichtbar, etwa über Druckkurven oder Entformungstemperaturen. Ein stabiler Prozess mit definierter Werkzeugtemperierung, sauberem Nachdruckfenster und kontrollierter Materialtrocknung reduziert das Risiko deutlich. Wichtig ist auch eine passende Prüfstrategie, bei der man nicht nur einzelne Teile misst, sondern Trends erkennt. Siehe auch: Schwindung, Nachdruck, Temperierung.