Rissbildung beschreibt Risse oder feine Anrisse im Kunststoffteil, die direkt nach dem Spritzguss oder erst später im Einsatz auftreten können. Je nach Ursache reichen die Erscheinungsbilder von kaum sichtbaren Mikrorissen bis zu klaren Bruchkanten. Rissbildung ist besonders kritisch, weil sie oft auf erhöhte Eigenspannungen oder Materialschädigung hinweist und die Bauteilfunktion beeinträchtigen kann, selbst wenn der Riss zunächst klein wirkt.

Eine häufige Ursache sind mechanische Spannungen aus der Entformung oder aus der Bauteilgeometrie. Scharfe Kanten, enge Radien oder ungünstige Übergänge erzeugen Kerbwirkung. Wenn das Bauteil zusätzlich unter inneren Spannungen steht, reichen kleine Belastungen, um einen Riss zu starten. Auch zu frühe Entformung kann Rissbildung begünstigen, weil das Teil noch warm ist und durch Auswerferkräfte oder Verzug belastet wird. In solchen Fällen entstehen Risse oft an Auswerferstellen, an Schnapphaken oder in Bereichen mit hohen Biegespannungen.

Prozessseitig spielen Nachdruck, Temperaturführung und Füllbild eine zentrale Rolle. Eine starke Überpackung durch zu hohen Nachdruck kann hohe Spannungen „einfrieren“, besonders wenn die Werkzeugtemperatur niedrig ist und das Material schnell erstarrt. Auch eine zu hohe Einspritzgeschwindigkeit kann durch Scherung und Orientierung Spannungen erhöhen, die später zu Rissen führen. Umgekehrt kann ein zu niedriger Nachdruck Lunker oder Einfallstellen erzeugen, die als Schwächung wirken und Risse begünstigen. Wichtig ist daher ein ausgewogenes Fenster, in dem Füllung, Nachdruck und Abkühlung zusammenpassen.

Materialseitig können falsche Trocknung, Kontamination oder thermische Schädigung den Werkstoff spröder machen. Besonders bei hygroskopischen Kunststoffen führt Feuchtigkeit nicht nur zu Oberflächenfehlern, sondern kann durch Hydrolyse auch die Molekülketten verkürzen, was die Zähigkeit reduziert. Ebenso können Materialmischungen oder Restmaterial nach einem Wechsel zu Inhomogenitäten führen. In vielen Fällen zeigt sich das erst bei Belastung, nicht sofort beim Entformen. Auch die Umgebung kann eine Rolle spielen, etwa wenn Medien, Öle oder Reinigungsmittel Spannungsrisskorrosion auslösen.

In der Praxis ist die Eingrenzung entscheidend: Tritt der Riss direkt aus dem Werkzeug heraus auf, liegt die Ursache oft in Entformung, Kerben oder Prozessspannungen. Tritt er später auf, sollte man auch Medienkontakt, Montagekräfte und Materialzustand prüfen. Zur Vorbeugung helfen saubere Radien, ausreichende Entformungsschrägen, stabile Temperierung und ein Prozess, der keine unnötigen Spannungen aufbaut. Siehe auch: Eigenspannungen, Kerbwirkung, Spannungsrisskorrosion.