Der Tunnelanguss ist eine Angussform im Spritzguss, bei der der Anschnitt über einen schräg oder gebogen geführten Kanal in die Kavität mündet. Das charakteristische Merkmal ist, dass der Anguss beim Entformen meist automatisch abreißt, sodass keine manuelle Angussabtrennung nötig ist. Tunnelangüsse werden daher häufig in Serienfertigung eingesetzt, wenn kurze Zykluszeiten und automatisiertes Handling wichtig sind. Gleichzeitig erlaubt der Tunnelanguss, die Anschnittstelle so zu positionieren, dass Sichtflächen geschont werden.

Im Werkzeug- und Formenbau wird der Tunnelanguss typischerweise als Kaltkanal-Lösung umgesetzt. Der Tunnelkanal führt von der Angussbahn zur Bauteilkante oder in eine weniger sichtbare Zone und tritt dort mit einem relativ kleinen Querschnitt als Anschnitt aus. Dadurch lässt sich die Fließfront gut definieren, allerdings steigt der lokale Strömungswiderstand am Anschnitt, was den Druckbedarf erhöhen kann. Bei dünnwandigen Teilen oder langen Fließwegen ist deshalb zu prüfen, ob der Druckverlust noch im sicheren Bereich liegt und ob die Füllung stabil bleibt.

Einflussfaktoren sind die Geometrie des Tunnels, der Eintrittswinkel und die Dimension des Anschnittquerschnitts. Ein zu kleiner Querschnitt kann zu hohen Scherbeanspruchungen führen, was Materialabbau und Oberflächenstörungen begünstigen kann. Ein zu großer Querschnitt erschwert das sichere Abreißen und kann zu unkontrolliertem Angussabriss oder Gratbildung führen. Materialseitig spielen Zähigkeit, Füllstoffe und Temperaturverhalten eine Rolle, weil sprödere Materialien oder stark gefüllte Compounds beim Abreißen anders reagieren als zähe, unverstärkte Typen. Auch die Werkzeugtemperierung wirkt mit, weil sie beeinflusst, wie schnell der Anschnitt zufriert.

Typische Fehlerbilder beim Tunnelanguss sind unsauberer Abriss mit Fäden oder Ausbrüchen am Anschnitt, sichtbare Anschnittmarken oder Gratbildung. Wenn der Anschnittbereich zu früh zufriert, kann die Nachdruckwirkung begrenzt sein, was zu Einfallstellen oder Maßabweichungen führt. Umgekehrt kann eine zu späte Erstarrung dazu führen, dass beim Öffnen Material nachzieht und die Abrissstelle optisch auffällig wird. Auch Bindenähte können kritisch sein, wenn der Tunnelanguss die Fließfront in ungünstige Richtungen lenkt und Zusammenflüsse in Funktionszonen erzeugt.

Für die Auslegung ist es sinnvoll, Tunnelanguss und Bauteilgestaltung gemeinsam zu betrachten. Der Anschnitt sollte so liegen, dass die Anschnittnarbe tolerierbar ist und keine Kerbwirkung in hoch belasteten Bereichen entsteht. Werkzeugseitig sind glatte Übergänge, ein passender Winkel und eine reproduzierbare Entformung entscheidend. In der Füllsimulation lässt sich prüfen, ob Druck, Fließfrontverlauf und Erstarrung zum Konzept passen. Ein gut ausgelegter Tunnelanguss reduziert Handarbeit, stabilisiert den Ablauf in der Serie und ermöglicht saubere Bauteile ohne zusätzliche Trennschritte.